Vom Glauben zum Wissen

Welches Wissen können wir Europäer aus unserer Religion gewinnen? Das ist eine der drängendsten Fragen der aktuellen Zeit für die ganze Welt. Aus Glauben muss Wissen entstehen, welches zum Handeln führt, welches wir so schmerzlich vermissen.

Für viele Menschen ist der religiöse Glaube, seine Gemeinschaft und seine Riten, eine sichere Burg in der unsicheren Welt. Für viele ist er dann aber auch Anstoss für Ausgrenzung, Kämpfe und Kriege. Für viele Mitteleuropäer ist er Opium fürs Volk. Dieser kindliche, gewalttätige oder vergiftete Umgang mit Religion führte zum geistigen Rückzug der vernünftigen Menschen daraus.

Doch wer beschäftigt sich dann noch mit dem Einfluss unserer geistigen Geschichte auf unser Denken und Handeln mit Hilfe der Logik, wenn nicht die Vernünftigen? Wer zeigt uns die Errungenschaften der geistigen Entwicklung des christlichen Abendlandes jenseits religiösen Eifers?

Der moralische Individualismus, das Leben nach dem eigenen Gewissen, den wir Mitteleuropäer uns gerne vorstellen und trotzdem nicht befolgen, braucht eine solide Basis zur Deckung der dringendsten materiellen Bedürfnisse ausserhalb der deregulierten Marktwirtschaft. Sonst gelingt das Streben nach dem Leben aus der inneren Überzeugung nicht und wird von der blinden und tauben Phrase des westlichen Wirtschaftsimperiums an der Nase herumgeführt.

Die Solidarische Landwirtschaft in einer Gruppe nach Vorbild von Hans Widmers bolo’bolo ist die einzige mir bekannt Möglichkeit, dass jeder seine eignen moralischen Vorstellungen mit der für ihn verantwortlichen Gruppe im Austausch abstimmen und so seiner inneren Stimme in der äusseren Welt Raum geben kann. Rudolf Steiner nannte diese Gruppe eine Assoziation und war sich nach der Philosophie der Freiheit (GA Band 3), welche den moralischen Individualismus als höchstes menschliches Entwicklungsstadium pries, sehr wohl bewusst, welche Forderungen das an die Organisation der Gesellschaft stellt und welch bedeutende Rolle dabei der Landbau spielt.

„Sich als handelnde Persönlichkeit erkennen heißt somit: für sein Handeln die entsprechenden Gesetze, d.h. die sittlichen Begriffe und Ideale als Wissen zu besitzen. Wenn wir diese Gesetzmäßigkeit erkannt haben, dann ist unser Handeln auch unser Werk.“ Rudolf Steiner, Philosophie der Freiheit, S.91.